Forschung und Vita Bruno Streit (Deutsche Version)

Streit-Flyer


A: Allgemeine Problemstellung

Ökosysteme und ihre Lebensgemeinschaften unterliegen zeitlichen Veränderungen, die – heute vielfach anthropogen verursacht – infolge ökologischer Sukzession, Klimawandel oder auch im Gefolge eingeschleppter Arten ablaufen. Viele dieser Veränderungen und Störungen, auch wenn sie teilweise "natürlich" abzulaufen scheinen, sind durch die allgegenwärtigen Einflüsse der Menschen modifiziert oder verstärkt und auch oft qualitativ neuartig für die Natur. Neben solchen  im Laufe von Jahren bis Jahrzehnten zu beobachtenden "ökologischen" Veränderungen treten – ebenfalls natürlich oder anthropogen bedingt – auch Veränderungen der genetischen Konstitution und dadurch der genetisch gesteuerten Reaktionsweisen auf, die wir als "ecolutive" Veränderungen erkennen und die meist erst nach Jahrzehnten bis Jahrhunderten manifest werden. Hierzu gehören Verschiebungen von Genfrequenzen durch Selektion, durch genetische Drift bei Kleinpopulationen und durch Genfluss bei neuen Kontaktzonen, die alle selber wiederum unabhängig vom Menschen oder mitbedingt durch ihn erfolgen können. So verändern sich die durchschnittliche Größe vieler Fischarten oder auch Elefantenstoßzähnen durch den selektierenden Einfluss der Fischerei und Jagd ebenso wie Persönlichkeitsmerkmale der Tiere in der Folge neuartiger anhaltender Stressfaktoren (z.B. Änderung im Fluchtverhalten). Ökologische und evolutive Veränderungen stehen dadurch in enger Wechselbeziehung und werden im Rahmen der Evolutionsökologie gleichermaßen erforscht. – Auch Menschen selber unterliegen derartigem Wandel, doch sind entsprechende evolutive Veränderungen dort  teilweise schwerer nachweisbar und erklärbar (s.u.).

Mit seinen Teams forschte Bruno Streit an den Universitäten Konstanz, Basel, Stanford und bis September 2019 in Frankfurt am Main über Ursachen und Zusammenhänge innerhalb der sich zunehmend biologisch verändernden und verarmenden Umwelt. Als "Modellsysteme" dienten bestimmte Süßwasser-, Land- und auch Meeresorganismen. In einem mehr ökosystemaren Ansatz wurden darüber hinaus die Langzeitveränderungen des Rheins und ausgewählter Nebenflüsse beobachtet und mituntersucht.


B: Konkrete Forschungsthemen der letzten 10-15 Jahre

Die in vielen europäischen Gewässern verbreiteten  Flussmützenschnecken des Artkomplexes Ancylus fluviatilis (in der zweiten Fotoreihe oben) wurde seit den 1970er Jahren vielfältig analysiert, um ökophysiologische Anpassungen, die toxische Sensitivität gegenüber ins Wasser eingespülten Pestiziden und auch die evolutiven Aufspaltungen und Veränderungen dieser zwittrigen Wirbellosen besser zu verstehen.

Insgesamt wendeten die im Laufe der Zeit wechselnden Teams der Frankfurter Zeit eine Vielzahl an feld- und gewässerbiologischen, ökotoxikologischen, morphologischen, verhaltensbiologischen sowie molekulargenetischen und statistischen Verfahren und Analysen an. Von der DFG zuletzt noch bis 2018 gefördert wurden die Forschungen, die von Seiten von PD Dr. Sebastian Klaus vom Studium der weltweiten Süßwasserkrabben (Foto rechts unten) ausgingen: Die Verbreitung und verwandtschaftlichen Beziehungen ihrer Arten zueinander brachten im Verbund mit Fossilberichten neue Erkenntnisse zu ihrer ihren im Laufe der Evolution erfolgenden geographischen Ausbreitung, aber auch zu geologischen Änderungen von Fluss-Systemen und über die Trennung oder Verschmelzung von Vorkommensgebieten. Letztere resultierten unter anderem aus den Folgen von Kontinentaldrift und pleistozänen Meeresspiegelschwankungen. Mehrere Promotionen (u.a. L. Hartmann, J.K. Kipyegon; zuvor schon R. Jesse) sind aus diesem Forschungsgebiet entstanden.

Süßwasserfische aus der Familie der Poeciliidae (Foto oben Mitte), wozu auch der bekannte Aquarienfisch Guppy gehört, wurden in den letzten 10 Jahren in Kooperation mit dem früheren Assistenten Dr. Martin Plath, jetzt Professor in Yangling (China), erforscht, um Prozesse sozialer Kommunikation und Interaktionen, speziell im Kontext ihrer Fortpflanzungsbiologie, aber auch Prozesse der Artbildung besser verstehen zu lernen. Aus diesem Umfeld entstanden  die Promotionsarbeiten von D. Bierbach, J. Jourdan und C. Sommer-Trembo, die auch tiefe Einsichten in die zoologische Persönlichkeitsforschung erbrachten.

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Arbeiten zur langfristigen Änderung natürlicher Artenkomplexe bei Wasserflöhen der Gattung Daphnia (Foto unten Mitte) – in Kooperation mit dem früheren Assistenten Dr. Klaus Schwenk, jetzt Professor an der Universität Landau – haben zum besseren Verständnis genetischer Vermischungen verwandter Arten (Art-Hybridisierungen) beigetragen. Aus diesem Daphnien-Forschungskomplex heraus entstanden u.a. die Dissertationen von B. Seidendorf und N. Brede. Im Rahmen eines Symposiums wurde von uns 2006 das Hybridisierungsphänomen bei Tieren – das bislang vor allem von Pflanzen bekannt war – in einem Kreis internationaler Experten erörtert (Haupt-Ergebnisse in einem wissenschaftlichen Sammelband der Proceedings der Royal Society 2008 veröffentlicht). [Anmerkung: Bald danach wurden in der Wissenschaft auch die molekulargenetischen Nachweise für die Hybridisierung zwischen den früheren Menschen-"Arten" Homo sapiens und neanderthalensis bekannt, was zuvor nur biologisch-morphologisch vermutet werden konnte; die Hybridisierung verschiedener genetischer Linien bei Menschen, die heute als ein zentrales Merkmal der Homo-Evolution gesehen wird, war aber am Symposium noch kein Thema.

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Primaten-Untersuchungen wurden 2008 bis 2013 an südostasiatischen Koboldmakis (Foto oben links) durchgeführt, initiiert durch den früheren Assistenten Dr. Stefan Merker, heute Abteilungsleiter für Zoologie am Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart. Koboldmakis (englisch 'Tarsier'), sind sekundär verzwergte baumbewohnende Primaten ("primitive" Affen, früher zu den "Halbaffen" gestellt), die nächtlich aktiv sind und sich als einzige Primaten rein carnivor ernähren. Ihre biologisch-genetische Separierung erfolgte vor 50-60 Millionen Jahren von den übrigen "Trockennasenprimaten", zu denen auch die Menschen gehören. Merker hatte 2010 mit Tarsius wallacei eine neue Koboldmaki-Art im International Journal of Primatology beschrieben, was zu weltweiten Medienberichten führte.

Angewandte Untersuchungen zu den derzeit wieder verstärkt unter Wilderei leidenden afrikanischen Elefanten, den größten lebenden Landsäugetieren, erlaubten die Entwicklung neuartiger Analyse-Tools auf der Basis stabiler Isotopen zur Bestimmung der geographischen Herkunft von Elfenbein (in Kooperation mit dem WWF Deutschland im Rahmen einer Dissertation); Foto unten: Elefantengruppe in einem südafrikanischen Wildreservat.

Analysen zu Verwandtschaftsverhältnissen und prähistorisch-historischen Populationsschwankungen von Gazella-Arten auf der Arabischen Halbinsel sind 2016 zu Ende gekommen (Kooperation mit T. Wronski und M. Pfenninger, hierzu die Dissertation von J. Lerp). – Tiere dieser Gattung sind mehrfach im Alten Testament aufgeführt, von Martin Luther und seinen Mitübersetzern der damaligen Anschaulichkeit wegen allerdings oft als "Rehe" bezeichnet worden.

Speziell der Oberthematik Klimawandel war das langjährige Engagement am Biodiversität und Klima - Forschungszentrum (BiK-F) gewidmet, in welchem der frühere Assistent der Abteilung, Dr. Markus Pfenninger, eine Kooperationsprofessur übernommen hatte. Aus diesen Global-Change-Forschungen entstand u.a. die Dissertation von M. Cordellier über Süßwasserschnecken (heute Juniorprofessorin an der Universität Hamburg). 

Ein regionales Projekt stellt die populationsbiologische, parasitologische und ethologische Untersuchung der Wildkaninchen in und um Frankfurt (in Absprache mit den städtischen Ämtern) dar. Es zeigte sich, dass die Stadt-Population der vielleicht 4-6.000 Individuen sozial einfacher strukturiert ist und interessanterweise stressärmer lebte, als die mehr ländlich lebenden Populationen, die auch deutschlandweit im Rückgang begriffen sind. Diese Arbeiten kamen 2017 mit der Promotionsarbeit von M. Ziege zum Abschluss. Infolge einer viralen Seuche ist die Populationsstärke im Stadtgebiet Frankfurt bald danach stark zurück gegangen.

Verschiedene Einzelprojekte zu Reptilien, Amphibien und Wildkatzen entstanden in der Zusammenarbeit mit Forschern von Senckenberg (Prof. G. Köhler, Dr. C. Nowak), woraus die Dissertationen von M. Jansen, A. Schulze, S. Lotzkat, A. Hertz, K. Steyer, J. Köhler u.a. entstanden.

Forschungen und Studienexkursionen führten Bruno Streit und seine früheren Mitarbeiter in verschiedene Erdregionen, darunter auch zu Lehrveranstaltungen mit multinationalen Studentengruppen aus Ländern des Mittleren und  Nahen Ostens (Foto oben links). Er war Mitbegründer und bis 2019 Sprecher und Koordinator von BioFrankfurt – Netzwerk für Biodiversität e.V., einem Zusammenschluss namhafter Institutionen aus der Rhein-Main-Region, die an Fragen zur Erforschung, zum Schutz und zur anschaulichen Wissensvermittlung über die biologische Vielfalt der Erde kooperieren. Zu ihnen gehören neben der Goethe-Universität auch Senckenberg, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, der Palmengarten, der Zoo Frankfurt, der Opelzoo in Kronberg, der WWF Deutschland und weitere Einrichtungen mit Haupt- oder Nebensitz in der Region Rhein-Main. Im Rahmen dieser Funktion leitete er auch zwei Projekte zum Themenkomplex Wildnis in der Stadt in einem deutschlandweiten Verbund, die beide 2016 angelaufen sind; das Projekt "Städte wagen Wildnis" wurde  2018 vom Bundesumweltministerium als "Ausgezeichnetes Projekt" im Rahmen der UN-Dekade Biologische Vielfalt ausgezeichnet. Ein das Bundesprojekt ergänzendes regionales Projekt Wildnis in Frankfurt (2016-2019) wurde durch die Stiftung Flughafen Frankfurt/Main finanziert. – Die Geschäftsstelle von BioFrankfurt und auch die Drittmittelprojekte waren bzw. sind weiterhin räumlich bei Senckenberg untergebracht. 

Stand: Oktober 2019





C: Vita Bruno Streit

Bruno Streit, geb. 1948, absolvierte ein breites naturwissenschaftliches Studium an der Universität Basel mit Schwerpunkt Zoologie und mit einer Diplomarbeit zur Auswirkung der Temperaturbelastung der Aare durch das Kernkraftwerk Beznau (Schweiz). Er promovierte 1972-75 mit einer Untersuchung zur Ökophysiologie und zum Kohlenstoff- und Energiehaushalt mittels 14C-markierter Algennahrung in Populationen der Flussmützenschnecke Ancylus fluviatilis, durchgeführt am Limnologischen Institut in Konstanz. Als Postdoktorand forschte er im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms Nahrungskettenprobleme über Bioakkumulation und Ökotoxizität organischer Umweltschadstoffe, bekam an seiner Heimatuniversität Basel eine wissenschaftliche Assistentenstelle angeboten und wurde dort 1979 für das Fach Zoologie habilitiert. An eine anschließende Lehrstuhlvertretung mit Forschungsschwerpunkt Bodenökologie und Schwermetalltoxizität schloss sich 1982 ein über zweijähriger Aufenthalt als Visiting Scholar an der Stanford University in Kalifornien an, wo er sich in Fragen der Populationsbiologie einarbeitete. Dort erreichte ihn 1984 der Ruf auf die vakante C4-Ökologie-Professur der Goethe-Universität Frankfurt, die er zum 1.4.1985 antrat und später in die Abteilung "Ökologie und Evolution" umbenannte und inhaltlich erweiterte. Er war u.a. mehrere Jahre Mitglied des Dekanats und fungierte ab 2005 für drei Jahre als erster Geschäftsführender Direktor des Instituts für Ökologie, Evolution und Diversität,  erneut von 2012 bis 2013. Von 2008 bis 2014 war er auch kooperierendes Mitglied des Biodiversität und Klima Forschungszentrums (BiK-F) von Senckenberg und Goethe-Universität, an dessen Einwerbung er mitgewirkt hatte. Derzeit (2019/2020) lehrt er Evolutionsbiologie und spezielle Aspekte zoologischer Biodiversität. Er ist Autor von über 230 wissenschaftlichen Arbeiten, zudem Autor bzw. Herausgeber von 12 Büchern in deutscher, englischer und vietnamesischer Sprache sowie von mehreren wissenschaftlichen Sammelbänden. Seine weiteren Interessen liegen in den Bereichen Geschichte, Kulturwandel und Sprachevolution. In der Öffentlichkeit tritt er mit Vorträgen und Führungen auf.

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Prof. Dr. Bruno Streit

Evolutionary Biology and Biodiversity Studies (2013-2020)

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Uni-Campus Riedberg
Max-von-Laue-Str. 13
60438 Frankfurt am Main

T +49 69 798-42162, -42160

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